Die wichtigsten Plasmozytom-Patienten und Angehörigenfragen
| Fragen | Jörg Brosig Leiter der Multiples Myelom Selbsthilfegruppe NRW e.V. Obfrau-Stellvertreter Myelom Hilfe Österreich |
| Antworten | Prof. Dr. H. Einsele Medizinische Klinik und Poliklinik II der Julius-Maximilians-Universität Würzburg |
Epidemiologie
Wie viele Menschen erkranken in Deutschland jährlich neu am multiplen Myelom.
Bei einer Neuerkrankungsrate von etwa 5 auf 100000 bei Männern und 3 auf 100000 bei Frauen beträgt bei 80 Mill. Einwohner die Neuerkrankungszahl pro Jahr 3200.
Welche Ursachen zur Entstehung eines Multiplen Myeloms sind bekannt?
Während der letzten 20 Jahren sind die Erkrankungsraten als auch Sterblichkeitsraten am Multiplen Myelom eher stabil geblieben. Von vielen untersuchten möglichen ursächlichen Faktoren ist die Strahlenexposition am besten belegt mit ihrem potentiell karzinogenen Einfluss auf die menschliche Erbsubstanz. Das Multiple Myelom ist signifikant vermehrt nach einer langen Latenzperiode bei Atombomben-Überlebenden. Bei den Überlebenden des Angriffs auf Hiroshima war das Motalitätsrisiko am Multiplen Myeloms um 60 % größer als bei nicht-exponierten.
Ein signifikant erhöhtes Risiko ein Multiples Myelom zu entwickeln wurde bei Landarbeitern beschrieben. Neuere Untersuchungen belegen eine Beziehung zwischen Landwirtschaftspestiziden, einschließlich Herbiziden und Insektiziden, und einem um ca 2 ½ x höheren Myelomrisiko. Ein wahrscheinlich erhöhtes Risiko, ein Multiples Myelom zu entwickeln, besteht für Arbeiter in der Metallverarbeitung, Gummiindustrie, bei langjährigem Umgang mit Benzin und Petroleumsverbrennungs- produkten. Auch bei Exposition gegenüber Hartmetallverbindungen, Schneid- und Mineralölschmiermitteln oder Arbeiten in der Holzindustrie und Lederindustrie sowie in der Schuh-, Woll- und Textilindustrie sind erhöhte MM-Risiken beschrieben. Familiäre Faktoren sind gesichert. Frühere Studien belegen das Auftreten von Multiplen Myelomen bei Geschwistern und Ehegatten und einigen Familien. Eine vererbbare Erkrankung stellt das Myelom aber nicht dar.
Multiples Myelom und Viren:
Bei der HIV-Infektion besteht ein etwa 4,5-fach erhöhtes Risiko, ein Multiples Myelom zu entwickeln.
Wie beschreibt die Theorie die Entstehung der Erkrankung?
Plasmazellen, die sich übermäßig teilen und vermehren und bei denen auch der normale Zelltod vermindert auftritt.
Ist die Erkrankung vererbbar?
Keine vererbbare Erkrankung, aber teilweise familiär gehäuft auftretend.
Was ist eine Monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS)?
Meist ein Zufallsbefund bei der Durchführung einer Serumelektrophorese ohne entsprechende klinische Symptome findet sich die monoklonale Gammopathie. Die MGUS ist bei die weitesten häufigste monoklonale Gammopathie, deren zunehmende Inzidenz wahrscheinlich mit dem zunehmenden Alter unserer Bevölkerung sowie mit empfindlichen Nachweisverfahren korreliert. Die Inzidenz beträgt 1 % bei allen Personen über 25 Jahre und 3 % bei allen Personen über 70 Jahre. Definiert wird die MGUS als Paraproteinämie von weniger als 3 g/dl im Serum und stabile Werte im weiteren Verlauf. Eine Bence-Jones-Proteinausscheidung im Urin ist nicht oder nur geringfügig (weniger als 0,5g/24h) vorhanden. Im Knochenmark sind weniger als 10 % Plasmazellen ohne Zellatypien nachweisbar. Beim Patienten bestehen keine Osteolysen, keine Anämie, keine Hyperkalzämie und keine Niereninsuffizienz.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese MGUS in ein aktives Multiples Myelom übergeht?
In einer Studie an 1384 Patienten betrug das Risiko ein Plasmozytom oder eine andere Plasmazelldyskrasie zu entwickeln, ungefähr 1 % pro Jahr.
In welchen Abständen sollen bei MGUS die regelmäßig überwachenden Kontrolluntersuchungen durchgeführt werden?
Dies ist etwas abhängig von der Höhe des Paraproteins. Prinzipiell werden Verlaufs- kontrollen in den ersten 2 Jahren ½ jährlich, nachfolgend jährlich empfohlen. Bei stabilem Verlauf kann auf die Knochenmarkbiopsie und Röntgenkontrollen im Verlauf verzichtet werden.
Was ist ein solitäres Plasmozytom und stimmt es, dass man diese Form auch heilen kann?
Etwa 3 bis 5 % aller plasmazellulären Neoplasien werden zum Zeitpunkt der Diagnosestellung als solitäre Plasmozytome eingestuft. Die solitären Plasmozytome können im Knochen (ossär oder extramedullär) auftreten. Die Patienten mit solitärem Plasmozytom haben eine deutlich bessere Prognose als systemisch erkrankte. Beim solitären ossären Plasmozytom beträgt die 5-Jahres-Überlebensrate 100 %, nach 10 Jahren noch 85 %. Allerdings gehen über 90 % der zum Zeitpunkt der Lokaltherapie als solitär eingestuften Plasmozytome des Knochens innerhalb von 10 Jahren in ein multiples Myelom über. Das extramedulläre Plasmozytom tritt vor allem im Bereich des Nasen-Rachenraums und Mundraums auf. Handelt es sich um einen lokal begrenzten, gut operablen Tumor des Weichteilgewebes tritt nur bei 15 % der Patienten nach ausreichender Lokalbehandlung (meist zusätzliche Bestrahlung) ein Multiples Myelom im weiteren Verlauf auf. Damit stellt unter allen Plasmazelltumoren das extramedulläre solitäre Plasmozytom dasjenige dar, welches die beste Prognose aufweist.
Wann spricht man von Multiplen Myelom ?
Für die Diagnose eines Multiplen Myeloms wird die Erfüllung folgender Minimalkriterien gefordert:
- Mehr als 10 % atypischer Plasmazellen und/oder histologisch eine myelomtypische Plasmazellverteilung im Knochenmark.
- Klinische Zeichen, wie z.B. Knochenschmerzen, Anämie, B-Symptomatik, Hyperkalzämie, Nierensuffizienz.
- Zumindest einer von 3 folgenden Veränderungen im Serum: monoklonales Protein, in der Regel mehr als 3 g/dl und/oder monoklonales Protein im Urin und/oder Osteolysen. Ca 1 % der multiplen Myelome sind nicht sezernierend, d.h. es wird kein monoklonales Protein gebildet.
Die Monoklonalen Immunglobuline unterteilt man in welche Klassen, welche Klassen gibt es und welche Klassen kommen am häufigsten vor?
Monoklonale Immunglobuline unterteilt man in Isotypen, die häufigsten sind der Typ IgG bzw. IgA.
Welche Aufgaben hatten die einzelnen gesunden Immunglobuline?
Wichtige Aufgaben in der Infektabwehr, vor allem von bakteriellen Infektion.Erfüllen abnormale Immunglobuline (von den Myelomzellen gebildet) eigentlich noch Abwehraufgaben?
Nein
Was ist ein Smouldering Multiples Myelom?
In dieser Situation finden sich im Serum mehr als 3 g/dl monoklonales Protein und im Knochenmark mehr als 10 % atypische Plasmazellen. Die Veränderungen sind jedoch nicht progredient und es liegen keine myelomtypischen klinischen Zeichen vor.
Warum kann man bei einem asekrektorischen Multiplen Myelom keine abnormalen Immunglobuline im Blut oder Urin finden?
Die Plasmazellen können keine Immunglobuline produzieren. Macht etwa 1% der Multiplen Myelome aus.
Was ist ein MM vom Typ Bence Jones?
Hier werden keine kompletten Immunglobuline produziert sondern nur Bruchstücke, welche dann im Serum und meist auch im Urin nachgewiesen werden. Bei den betroffenen Patienten sind häufig alle Immunglobuline im Blut vermindert.
Warum spricht man von leichten und schweren Ketten?
Aufgrund des unterschiedlichen Molekulargewichtes der Bestandteile der Immunglobuline.
Eine sehr seltene Form soll eine Plasmazellenleukämie sein, wie häufig kommt diese Form vor und wann spricht man von einer Plasmazellenleukämie?
Ca 2 % der mulitplen Myelome präsentieren sich als primäre Plasmazellenleukämie, bei einigen Patienten kommt es im Verlauf des immer wieder progredienten Multiplen Myeloms zum Auftreten der Plasmazellenleukämie. Eine Plasmazellenleukämie weist mehr als 20 % Plasmazellen im Differentialblutbild oder mehr als 2 x 10/9l Plasmazellen im peripheren Blut auf.
